Samstag, 17. August 2019

EinBlick anders - Ein Kommentar zur "Beiß-Attacke" in Rostock

Es ist keine Seltenheit, dass in einer Situation, in der ein vielleicht 5jähriger Mensch einem Erwachsenen etwas erzählt wie „Der Sowieso hat mich gehauen!“, er Reaktionen erhält wie „Und was hast du gemacht?“ Die Betonung liegt dabei auf dem „du“ und gemeint ist hier natürlich nicht hinterher, sondern vorher: Was hast du angestellt, dass der andere dann so sauer auf dich war? Was impliziert, dass du doch bestimmt irgendwie selbst Schuld bist, dass der Sowieso dich gehauen hat.
Solche Reaktionen sind umso weniger eine Seltenheit, je älter dieser Sowieso ist. War es der gleichaltrige Kindergarten-Kumpel, kommen eher noch Antworten wie „Och, das war ja gemein vom Sowieso, dass der dich gehauen hat!“ oder Verhaltens-Tipps für die Zukunft wie „Beim nächsten Mal sag ganz laut 'STOPP, das will ich nicht!'“ oder „Geh dem einfach aus dem Weg, wenn der dich hauen will“ oder gar der kühne Ratschlag „Am besten hau zurück, damit der merkt, dass das weh tut!“ War der Sowieso aber beispielsweise die Erzieherin und die Situation folgendermaßen: „Die Sowieso hat heut ganz doll mit mir geschimpft!“, dann ist die oben genannte Reaktion äußerst wahrscheinlich.
Auch wenn mir eine solche Reaktion gar nicht gut gefällt, so muss ich zugeben, wenn mir eine befreundete Lehrerin erzählen würde „Eine meiner neuen Erstklässlerinnen hat mich heute krankenhausreif gebissen!“, dann würde sofort aus mir herausplatzen „Oh mein Gott, was hast du gemacht?!“

Die BILD-Zeitung berichtete vor ein paar Tagen von einer solchen Begebenheit an einer Grundschule in Rostock unter der Schlagzeile
"Erstklässlerin(7) beißt Lehrerin krankenhausreif"
Gerade einmal drei Tage nach Schulbeginn“ sei eine 7jährige Erstklässlerin „wutgeladen“ auf ihre Lehrerin losgegangen, heißt es, und habe diese so heftig gebissen, dass die „verletzte Frau“ den Notruf wählte und später ins Krankenhaus gebracht wurde.
Interessanterweise habe die Schulamtsleiterin des zuständigen Staatlichen Schulamtes den Sachverhalt als „nicht darstellungsbedürftig“ bezeichnet. Was Medien aus einem solchen „nicht darstellungsbedürftigen“ Fall so alles machen, werde ich gleich beschreiben... Allerdings wüsste ich tatsächlich gern, was vorgefallen sein muss, dass dieses junge Mädchen derart „wutgeladen“ war...
Im Focus wird der Vorfall aufgegriffen mit dem Hinweis „Eine Grundschülerin ging in Rostock grundlos auf ihre Lehrerin los“. Interessant, diese Zuschreibung - „grundlos“ - wo doch die (Hinter)Gründe noch ermittelt werden müssen.
Bemerkenswert formulierte der Berliner Kurier den Vorfall, demnach eine „erst sieben Jahre alte Schülerin auf dem Schulhof ihre Lehrerin angegriffen“ habe. „Das Mädchen bekam einen Wut-Anfall und attackierte die Pädagogin.“ (Sind Lehrer und Pädagogen eigentlich dasselbe, wo es doch unterschiedlichste Studiengänge dazu gibt? Hinzugedichtet wurde hier noch eine Ortsangabe, die gar nicht stimmte, aber doch eine passende Kulisse für die Fantasie der Leser angibt.)
Eine Österreichische Zeitung formuliert es noch besser zum Thema „Schulbeginn in Deutschland“: 7-Jährige schlägt und beißt Lehrerin krankenhausreif", genauer „schlug, trat und biss“ das Mädchen hier auf ihre Lehrerin ein und „biss schließlich so fest zu, dass die Lehrerin im Krankenhaus behandelt werden musste“.
Doch, es war noch zu toppen mit dieser Schlagzeile: Unglaublich! Zweitklässlerin (7) prügelt Lehrerin ins Krankenhaus“. Hier ereignete sich in einer Rostocker Grundschule eine „Prügelattacke der ungewöhnlichen Art, bei der eine Lehrerin verletzt wurde“: Ein 7-jähriges Mädchen ging wie im Wahn auf ihre Lehrerin los und prügelte auf sie ein“, heißt es, „Durch die Tritte und Schläge der Zweitklässlerin erlitt die Frau zahlreiche Verletzungen. Nachdem die Lehrerin den Notruf gewählt hatte, eilten mehrere Rettungswagen und die Polizei zu der Grundschule. Durch ruhiges Zureden konnten die Beamten die Situation schlichten.“
So wurde das Monster immer größer in einer Welt, in der bekanntlich die Schüler doch immer gefährlicher und die Lehrer immer gefährdeter seien...
Ich erinnere mich an einen Fall einer Arbeitskollegin, der sie sehr betrübte. Ihr junger Klient war aufgrund starker Verhaltensauffälligkeiten in einer Wohngruppe gelandet, wo er auch „grundlos“ und unberechenbar auf eine Betreuerin losgegangen sei. Ich ließ mir die Situation näher erzählen. Der 9jährige Junge sei eines Morgens von der Betreuerin geweckt worden, in dem diese ins Zimmer kam, die Vorhänge aufriss und ihm die Decke wegzog. Da sei er ausgerastet. Leider vermisse ich häufig die genaue Betrachtung solcher Konfliktsituationen, die uns Aufschluss geben würde über die Motive und Bedürfnisse der Beteiligten und uns erkennen ließe, dass niemand „grundlos“ auf jemanden losgeht.
Die Nachrichten-Berichterstattung repräsentiert und schürt jedoch die üblichen Reaktionen und Sichtweisen derer, die davon lesen und hören:
1. „Die arme Lehrerin!“: Ja, da haben wir's, der Lehrerberuf wird immer gefährlicher aufgrund der immer gewalttätiger und respektloser werdenden Schülerschaft!
2. „Die böse Lehrerin!“: Die ist bestimmt selbst Schuld, grausam wie Lehrer oft die Schüler behandeln!
3. „Das arme Kind!“: Was ist nur in dem schrecklichen Elternhaus los, in dem ihm entweder Gewalt, Verwahrlosung oder schlechte Erziehung widerfährt!
4. „Das böse Kind!“ (beliebt in den Medien): Das Monster, das grundlos und unberechenbar gewalttätig ist.
5. „Das kranke Kind!“: Aufgrund dieses heutzutage beliebten Trends, in den auch die Punkte 3 und 4 münden, sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien bis zum Platzen voll.
Nur, um mich etwas polemisch darüber lustig zu machen, wäre dieser Medienfall mir keinen Kommentar wert gewesen. Mir geht es tatsächlich um eine wichtige Überlegung angesichts der zu beobachtenden Gewalt (an Schulen), die ja immer wieder in aller Munde ist. In unterschiedlicher Weise werden die verschiedenen Protagonisten dabei als „Schuldige“ unter die Lupe genommen: Die Lehrer, die sich nicht durchsetzen, oder die unfähigen Eltern oder die gestörten Schulkinder. Gerne wird ein Szenario beschrieben, in welchem uns ein Täter und ein Opfer dargeboten wird – nur wer ist hier wer? Da wir davon ausgehen müssen, dass sowohl die Lehrerin als auch die Erstklässlerin beide sowohl Täterin als auch Opfer sind (schließlich landeten beide im Krankenhaus), sind uns diese Zuschreibungen nicht nützlich.
Gewaltgeschichten wie diese sind gerade deswegen darstellungsbedürftig, da sie Symptome sind für eine Grundproblematik: Gewalt, die junge Menschen, die aufgrund struktureller Bedingungen diskriminiert werden, bei uns erfahren. Auch wenn es so aussieht und uns am bequemsten erscheint, so kann es nicht nur um die individuelle Gewalt gehen und darum, Einzelne als Schuldige, als Täter und Opfer zu identifizieren.
Wir müssen uns der folgenden Frage stellen: Welchen Anteil haben wir alle an der Gewalt Einzelner gegen sich selbst und andere? Welchen Anteil hat jeder einzelne an der Gewalt, die hier die Lehrerin ausübte und hat erdulden müssen, und an der Gewalt, die die 7Jährige erfahren und ausgeübt hat?
„Hä?“, wird sich manch einer fragen, „Was hab ich damit zu tun?“ Vielleicht in speziell diesem Fall, den ich als (reißerischen) Aufhänger genutzt habe, nicht wirklich was. Wir alle prägen jedoch als einzelne und gemeinsam eine Grundhaltung, ein Menschenbild, Denk- und Bewertungsstrukturen, die einen kollektiven Raum und Rahmen bilden, in welchem individuelle und strukturelle Gewalt entstehen (und auch wieder verschwinden!) kann. Beispielsweise in Form der oben genannten „üblichen Reaktionen und Sichtweisen“ (den Punkten 1 bis 5), die wir denken und eventuell kundtun.
Ich spreche nicht von Schuld. Ich spreche von Anteil, der je nachdem größer oder kleiner sein kann. Ich spreche von Verantwortung, die sich auf uns alle aufteilt und die wir alle tragen, ob wir dies wollen, akzeptieren oder nicht. Daher hat auch jeder von uns Einfluss auf Minderung von Gewalt. Ein Schritt dafür ist, „hinter“ die Situationen zu schauen und vor allem die kleineren und die größeren Kontexte zu berücksichtigen, in denen sie stattfinden.
In der Aufhänger-Geschichte habe es sich übrigens schließlich um die Schulleiterin gehandelt, die gebissen wurde, und die 7Jährige sei wütend gewesen, weil sie noch keinen Hortplatz bekommen habe, der ihr anscheinend sehr wichtig gewesen sein muss... eine merkwürdig klingende Geschichte. Was wirklich konkret in der Szene gesagt und getan oder nicht gesagt und getan wurde, so dass eins zum anderen führte, wird wohl ein Geheimnis bleiben...
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Wer es noch nicht kennt:
Macht mit beim Aufruf „Gewalt? Ohne mich!“

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