Freitag, 2. Oktober 2020

EinBlick anders auf Mobbing - Kommentar zum "Säure-Angriff" in Hamburg


Der heutige 2. Oktober ist der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit. Eine gute Gelegenheit, einmal über vorhandene oder unvorhandene Rahmenbedingungen für Gewaltlosigkeit nachzudenken. Gestern las ich den Artikel im Focus online über einen Mobbing-Vorfall, betitelt mit
Nach Säure-Angriff auf Mädchen (14): Psychologe erklärt, wie Corona Mobbing befeuern kann. Da ich selbst Psychologin bin und mich auch schon mit Mobbing beschäftigt habe, war ich neugierig ...

Schon beim Lesen des ersten Abschnitts empfand ich große Bestürzung - und auch Wut: Mitschüler hatten einer 14-Jährigen Desinfektionsmittel ins Getränk geschüttet. Dies sei "der traurige Höhepunkt einer langen Mobbing-Historie, denn das Mädchen soll bereits seit Jahren von ihren Mitschülern fertig gemacht worden sein."
Wie kann es überhaupt zu einer langen Mobbing-Historie kommen?? Müssen wir uns da nicht fragen, wie es überhaupt sein kann, dass ein Mensch sich über Jahre hinweg derart leidvollen Umständen nicht entziehen kann? Oh ja, dies sollten wir uns fragen! Zum Stichwort Gewaltprävention muss endlich "das elementarste Recht, das andere Rechte erst möglich macht" zur Kenntnis genommen werden:
"Wir denken an Menschenrechte gerne in bejahenden Begriffen, daher sprechen wir zumeist von unseren Rechten, dem näher zu kommen, was wir erreichen wollen: Wahlrecht, Versammlungsfreiheit, freie Meinungsäußerung und die Wahl unseres persönlichen Wegs zum Glücklichsein. Ich behaupte allerdings, das elementarste Recht – das Recht, welches alle anderen Rechte erst möglich macht – ist das Recht, etwas abzubrechen oder aufzugeben."
 
Dies schrieb der Psychologe Peter Gray vor mehreren Jahren in seinem Artikel Die grundlegendste aller Freiheiten ist die Freiheit, etwas abbrechen und weggehen zu können. Diese Freiheit sei nicht nur die Grundlage für Frieden, Gleichwertigkeit und Demokratie. Diese Freiheit scheint gar die Grundlage zu sein für Bedingungen, in denen Gewaltfreiheit überhaupt erst möglich ist bzw. umgekehrt scheint das Fehlen dieser Freiheit Gewaltfreiheit unmöglich zu machen.
 
"Wenn der Schulbesuch verpflichtend ist, sind Schulen definitionsgemäß Gefängnisse. Ein Gefängnis ist ein Ort, an dem jemand sich zwangsweise aufhält und an dem Menschen ihre Aktivitäten, (Spiel)Räume oder Partner nicht selbst wählen dürfen. Kinder können die Schule nicht verlassen und innerhalb der Schule können sie gemeinen Lehrern, unterdrückenden und sinnlosen Aufgaben oder grausamen Klassenkameraden nicht entgehen. Für manche Kinder ist der einzige Ausweg – der einzige wirkliche Weg zu gehen – der Selbstmord (...)
Es ist schon viel gesagt worden über Mobbing in der Schule und andere Probleme, die mit Schule zusammenhängen, wie allgemeine Unzufriedenheit von Schülern, Langeweile und Zynismus. Bisher hat niemand einen Weg gefunden, diese Probleme zu lösen, und niemand wird einen solchen jemals finden, bis wir Kindern die Freiheit zugestehen wegzugehen. Um diese Probleme endlich und endgültig zu lösen, gibt es keine andere Möglichkeit, als den Zwang abzuschaffen."

Dennoch werden weiterhin ungeachtet dieser wichtigen Erkenntnis "Lösungen" gesucht. Dies erscheint wie ein Tappen im Dunklen. Wo bleiben die Experten, die aus dem kleinen Raum (dem "Aquarium im Aquarium", hört hierzu die kleine Geschichte gleich zu Beginn) heraustreten und sich den großen Kontext anschauen. Ich wiederhole eine Passage aus meinem eigenen Blogbeitrag, weil ich auch hier keine besseren Worte mehr finde:
Gewaltgeschichten wie diese Mobbinggeschichte sind Symptome für eine Grundproblematik: Gewalt, die junge Menschen, die aufgrund struktureller Bedingungen diskriminiert werden, bei uns erfahren. Auch wenn es so aussieht und uns am bequemsten erscheint, so kann es nicht nur um die individuelle Gewalt gehen und darum, Einzelne als Schuldige, als Täter und Opfer zu identifizieren. (Und auf dieser Ebene bewegen sich die üblichen Lösungsversuche rund ums Mobbing.)
Wir müssen uns der folgenden Frage stellen: Welchen Anteil haben wir alle an der Gewalt Einzelner gegen sich selbst und andere? Wir alle prägen als einzelne und gemeinsam eine Grundhaltung, ein Menschenbild, Denk- und Bewertungsstrukturen, die einen kollektiven Raum und Rahmen bilden, in welchem individuelle und strukturelle Gewalt entstehen (und auch wieder verschwinden!) kann.
Ich spreche nicht von Schuld, sondern von Verantwortung, die sich auf uns alle aufteilt und die wir alle tragen, ob wir dies wollen, akzeptieren oder nicht. Daher hat auch jeder von uns Einfluss auf Minderung von Gewalt. Ein wesentlicher Schritt dafür ist, "hinter" die Situationen zu schauen und vor allem die kleineren und die größeren Kontexte zu berücksichtigen, in denen sie stattfinden.
"Mobbing in Schulen: Oft ist nicht genau ersichtlich, was die genaue Ursache ist", heißt es im Focus-Artikel. Jedoch dürfte eigentlich ersichtlich sein, dass Mobbing nicht überall stattfindet, sondern in bestimmten Kontexten mit bestimmten strukturellen Merkmalen. Das Phänomen Mobbing ist ein Ausdruck von Gewalt und Machtausübung, welcher die Struktur unserer Erziehungs- und Schulkultur widerspiegelt.  
Mobbing wurzelt in den Rahmenbedingungen des Systems, in dem es stattfindet und ist nur die Äußerungsform eines anderen Problems. Symptombehandlung scheint allerdings allgemein beliebter und bequemer zu sein (jedoch bei Mobbing leider auch nicht selten vergeblich), als dass wir uns endlich grundlegend damit auseinandersetzen, wie die Rahmenbedingungen sein müssen, damit es überhaupt gar keinen Anlass mehr für Mobbing gibt. (Wer dies vertiefen möchte, dem sei mein Artikel ans Herz gelegt Mobbing - nur ein Missverständnis? Eine erste systemische Annäherung an ein bedeutsames Phänomen).
Der "Kampf gegen Mobbing", wie es im Focus-Artikel heißt, kann nicht gewonnen werden, denn, wie Astrid Lindgren einst sagte, hieße dies, "den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch mehr Gewalt" und zwar so lange, bis wir erkennen, "dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt - so wie es von jeher gewesen ist".
Daher - zum Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit - wäre es wunderbar und wünschenswert, wir würden es mit Gewaltlosigkeit versuchen und uns den Bedingungen zuwenden, die dafür notwendig sind.
"Wenn wir (...) an umfassendere Ziele im Leben denken – die Ziele, zu überleben, Verletzungen zu vermeiden, glücklich zu sein und im Einklang mit unseren persönlichen Werten zu leben unter Menschen, die uns respektieren und die wir respektieren –, dann erkennen wir, dass die Freiheit, etwas abbrechen oder aufgeben zu können, für all diese Ziele essentiell ist. Ich spreche hier von der Freiheit, Menschen und Situationen, die unserem Wohlergehen abträglich sind, zu verlassen."
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Wer sich weiter bilden möchte, mag vielleicht in meinen jüngsten Vortrag vom 24. Januar 2020 hineinschauen "Nicht zur Schule gehen"

Der Mobbing-Artikel sowie der Artikel von Peter Gray finden sich neben einigen weiteren lesenswerten Beiträgen in meinem Buch Wer sein Kind liebt - Theorie und Praxis der strukturellen Gewalt. Das Buch erschien vor 5 Jahren und erscheint mir aktueller denn je. Ich war bisher zu bescheiden, dies offen kundzutun, doch wünsche mir nun öffentlich, es mögen viel mehr Menschen das Buch lesen. Vor wenigen Tagen schrieb mir jemand 

"Liebe Franziska, ich habe gerade noch einmal Deinen 'Niki im Wunderland, Gespräch zwischen den Generationen' gelesen. Ich darf wirklich aus ganzer Seele behaupten, dass kein Text mich in den letzten Jahren so tief innerlich angerührt hat ..."

Von Herzen Danke!!! 

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Wer ihn noch nicht kennt:
Macht mit beim Aufruf „Gewalt? Ohne mich!“

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